Rückblick : Steyr Reformationsstadt Europas 2017

Der Gemeinderat der Stadt Steyr hat mit einem einstimmigen Beschluss um die Verleihung dieses Titels angesucht. Die Gemeinschaft der Evangelischen Kirchen in Europa hat der Stadt Steyr diesen Titel verliehen, da drei Voraussetzungen erfüllt waren:

  1. Steyr hat eine große evangelische Vergangenheit: Ein Jahrhundert lang (1525 – 1627) war Steyr eine evangelische Stadt. Im Jahre 1618 wurden nur noch 18 Bürger als römisch-katholisch registriert. Dieses Jahrhundert war eine Blütezeit des geistlichen und kulturellen Lebens in der tausendjährigen Geschichte der Stadt; die Stadt nahm einen großen wirtschaftlichen Aufschwung, die Bevölkerungszahl wuchs um ein Drittel; Steyr war mit 9.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Österreich und hatte als Reformationsstadt Leitbildfunktion.
  2. Steyr hat in der Gegenwart eine aktive Evangelische Pfarrgemeinde.
  3. Steyr hat eine ausreichende touristische Infrastruktur, so dass Gäste von auswärts kommen und die (damals erst noch geplante) Ausstellung sowie die (damals noch zu planenden) zahlreichen Veranstaltungen besuchen und hier übernachten oder ein ganzes Wochenende auf den Spuren der Reformation verbringen können.

Die Planungen für das Jubiläumsjahr haben bereits im Jahr 2015 begonnen. Die Intensivphase der Planung war im Jahr 2016. Zum Jahreswechsel 2016/17 waren alle Veranstaltungen geplant.
Wie ist das Jubiläumsjahr verlaufen? Mit welchen Veranstaltungen und Aktivitäten wurden die Anliegen der Reformation gefeiert, bewusst gemacht und in die Öffentlichkeit getragen?

1. Das Fest zur Eröffnung des Jubiläumsjahres fand am 10. März im Stadtsaal statt.

Es sollte gleich zu Beginn Aufmerksamkeit wecken, die Öffentlichkeit erreichen, eine Grundinformation vermitteln und einen starken Hinweis auf die Veranstaltungen im Jubiläumsjahr geben. Diese Ziele wurden erreicht.

Der Stadtsaal war voll besetzt, 600 Leute waren gekommen, viele aus der Evangelischen Pfarrgemeinde und aus den Nachbargemeinden, aber auch eine große Zahl von den katholischen Pfarrgemeinden, darunter Priester, Pfarr- und Pastoralassistenten sowie andere Mitarbeiter aus der katholischen Kirche haben sich eingefunden. Der Stadtrat war vollzählig anwesend, viele Gemeinderäte und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Steyr haben mit großem Interesse teilgenommen.

Gleich zu Beginn des Festes wurde nach einer festlichen Musik und der Begrüßung ein Film gezeigt, der die Geschichte der Evangelischen in Steyr von den Waldensern über die Reformation, Gegenreformation, Neugründung der Evangelischen Pfarrgemeinde und ihre Geschichte bis hinein in die Gegenwart dargestellt hat. Dieser Film hat gezeigt, welch eine Blütezeit Steyr im evangelischen Jahrhundert erlebt hat und wie das blühende evangelische Leben gewaltsam ausgelöscht wurde. Bischof Dr. Manfred Scheuer zeigte seine persönliche Betroffenheit, als er in seinem Grußwort die Evangelischen um Vergebung für das ihnen angetane Unrecht bat. Bischof Dr. Michael Bünker überreichte in seiner Eigenschaft als Bischof und als Generalsekretär der Evangelischen Kirchen in Europa Herrn Bürgermeister Gerald Hackl die Urkunde mit dem Titel „Reformationsstadt Europas“ und betonte dabei, dass Steyr mit seiner großen evangelischen Vergangenheit einen verdienten Platz unter den anderen 90 Reformationsstädten Europas einnehme. Bürgermeister Hackl äußerte sich erfreut über die Verleihung des Titels und verband damit die Hoffnung und den Wunsch, dass viele Steyrer Bürger und Gäste aus dem In- und Ausland die Chance wahrnehmen, die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum in Steyr zu besuchen. Der neue Landeshauptmann Mag. Thomas Stelzer betonte, welch eine herausragende Rolle Steyr im Land gespielt und welche Bedeutung Steyr in der Gegenwart hat. Superintendent Dr. Gerold Lehner sprach für die Diözese; es war ihm wichtig zu betonen, dass das Reformationsjubiläum nicht gegen die katholische Kirche gerichtet ist, sondern die Anliegen der Reformation neu ins Bewusstsein bringen möchte. Pfarrer Rößler führte als Moderator durch den Abend. Die musikalische Gestaltung übernahm zunächst das Bläserquintett Solid Brass und dann vor allem ein 80köpfiger Chor: 2 evangelische und 2 katholische Chöre bildeten einen großen Gesamtchor, der stimmgewaltig den musikalischen Schwung und die Begeisterung in die Veranstaltung gebracht und ein schönes ökumenisches Zeichen gesetzt hat. Im Zusammenhang mit dieser Eröffnungsveranstaltung gab es eine Briefmarkenausstellung mit Sondermarken zum Jubiläum, einen Büchertisch mit Büchern zur Reformation sowie das Angebot, Lutherbier und Lutherwein sowie Lose zu kaufen, von denen 1 Los am Reformationstag den Gewinn eines Fiat 500 anlässlich des 500jährigen Reformationsjubiläums bringen sollte (und dann auch gebracht hat). Dieses Angebot wurde bei den meisten Veranstaltungen im Lauf des Jubiläumsjahres gemacht.

Alle Besucherinnen und Besucher waren von den vermittelten Inhalten beeindruckt, von der Atmosphäre und dem Schwung begeistert. Bei einem kleinen Imbiss nach der Veranstaltung gab es noch viele Begegnungen und gute Gespräche.

Von Anfang an haben uns die Medien freundlich begleitet und unterstützt. Das regionale Fernsehen (RTV) sendete einen Bericht über die Veranstaltung und Interviews mit den Rednern und Ehrengästen. Die Evangelische Kirche stand nun im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses; die Leute waren gespannt, was weiter auf sie zukommt.

2. Ausstellung : „Reformation 1517 und heute? Das evangelische Jahrhundert in Steyr 1517 – 1627“

Die Eröffnung der Ausstellung rief großes Interesse hervor: 150 Leute waren gekommen. Landeshauptmann Dr. Josef Pühringer freute sich, dass mit der Geschichte von Steyr ein wesentlicher Teil der Geschichte des Landes in der Ausstellung zur Darstellung kommt. Bürgermeister Gerald Hackl dankte dem Ausstellungskomitee, dass mit der evangelischen Zeit eine bedeutende Epoche der Stadtgeschichte ans Licht gebracht und der Öffentlichkeit gezeigt wird. Superintendent Dr. Gerold Lehner führte in die Thematik und den Aufbau der Ausstellung ein und wies darauf hin, dass die Ausstellung nicht nur in die Vergangenheit führt, sondern immer wieder Fragen für unsere Zeit aufwirft. Als Gesamtleiter hat er die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung maßgeblich geprägt und selbst zahlreiche Textbeiträge verfasst. Er dankte allen, die am Zustandekommen der Ausstellung mitgewirkt haben: Günther und Katja Matern vom Creativbüro Matern haben das Konzept erstellt. Dr. Raimund Locicnik hat nicht nur Originaldokumente aus dem Stadtarchiv zur Verfügung gestellt, sondern auch eigene Textbeiträge auf den Informationstafeln verfasst. Weitere Textbeiträge und Musikbeiträge stammen vom Landesmusikschuldirektor Mag. Martin Fiala. Weitere inhaltliche Beiträge auf den Informationstafeln haben zur Verfügung gestellt: Mag. Gunter Bittermann vom Städtischen Museum, Dir. i. R. Günter Garstenauer, Stadtführer Wolfgang Hack, Konsulent Prof. Mag. Günter Merz, Kustos des Evangelischen Museums in Rutzenmoos sowie Pfarrer Mag Friedrich Rößler. Kontinuierliche und zuverlässige Unterstützung erhielten die Vorbereitungsarbeiten vom Leiter des Städtischen Museums, Herrn Josef Gegenhuber und im Blick auf alle Veranstaltungen im Jubiläumsjahr vom zuständigen Stadtrat Gunter Mayrhofer sowie vom Leiter der Kulturabteilung Dr. Augustin Zineder.

Die Ausstellung war 8 Monate lang bis zum 5. November geöffnet. Sie hat eine große Aufmerksamkeit hervorgerufen. Besonderes Interesse haben Schülerinnen und Schüler der Handelsakademie Steyr und der Handelsakademie Villach unter Anleitung ihrer Mathematikprofessoren am Rechenbuch des evangelischen Mathematiklehrers Kaspar Thierfelder entwickelt. Das Original war in einer Vitrine ausgestellt. Es ist auch in digitaler Form vorhanden, so dass die Schülerinnen und Schüler sich damit beschäftigen konnten und in einer Zusatzausstellung (und besonders anschaulich und detailliert im Rahmen der Eröffnung dieser Zusatzausstellung) die damalige Rechenweise erklärt haben.

Insgesamt haben 4475 Personen (3345 Erwachsene und 1130 Schüler) die Ausstellung besucht. Viele Einzelpersonen sind gekommen; zahlreiche Schüler- und Gemeindegruppen haben sich die Ausstellung angeschaut. Pfarrer Mag. Friedrich Rößler und Pfarrerin i. E. Mag. Insa Rößler haben in 41 Führungen Schüler und andere Gruppen, insgesamt 800 Personen durch die Ausstellung geleitet.

3. Stadtführung: Auf den Spuren der Reformation in Steyr

In insgesamt 55 Stadtführungen haben der Stadtführer Wolfgang Hack und Pfarrer Rößler 1394 den Teilnehmern und Teilnehmerinnen anhand historischer Gebäude und Denkmäler die große evangelische Geschichte anschaulich erzählt. Es war ein Erlebnis, an den Stätten gewesen zu sein, an denen sich große Geschichte ereignet hat, die vom evangelischen Glauben geprägt war: Evangelische Lateinschule, Evangelische Schulkirche, die Stadtpfarrkirche als Ursprung und Ort evangelischen Glaubens und Lebens während 80 Jahren, das Bummerlhaus als Ort der Zusammenkunft der Waldenser, das Waldenserdenkmal, Schloss Lamberg zunächst als Ort des Widerstands und dann als Ort der Förderung der Reformation, der Renaissancefriedhof mit der noch heute sichtbaren Inschrift als Zeugnis evangelischer Auferstehungshoffnung usw. Geschichte wurde anschaulich und lebendig. Viele haben die evangelische Seite unserer Stadt entdeckt und viele Steyrer haben einen neuen Blick auf ihre Stadt bekommen.

4. Vorträge im katholischen Bildungshaus, im Dominikanerhaus: Die Anliegen und der Einfluss der Reformation

Die Veranstaltungen im Dominikanerhaus haben die Merkmale unseres evangelischen Glaubens und unserer Kirche deutlich zur Sprache gebracht. Es war ein besonderes Erlebnis, dass wir uns zum 500jährigen Reformationsjubiläum an der Stätte versammelt haben, an der 50 Jahre lang (1559 – 1598 und 1609 – 1624) die Evangelische Lateinschule das damalige Wissen und den Glauben in evangelischer Prägung vermittelt hat und Zentrum der Bildung in der Stadt Steyr und weit darüber hinaus war.

Zum Vortrag unseres Bischofs, Herrn Hon. Prof. Dr. Michael Bünker, zum Thema „Evangelische Freiheit und Verantwortung“ waren nicht nur unsere Gemeindemitglieder, sondern auch viele Interessierte aus der katholischen Kirche gekommen. Herrn Bischof Dr. Bünker ist es gelungen, die großartige Freiheit, die wir in der Gebundenheit an das von der Heiligen Schrift geprägte Gewissen haben, deutlich herauszustellen. Um diese Freiheit in der Unabhängigkeit von kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten zu bewahren, sind im Zuge der Gegenreformation 200.000 Menschen aus Österreich ausgewandert, aus Steyr waren es 2500. Wer damals in unserer Stadt geblieben ist, musste zwangsweise katholisch werden. Zum Nachweis der tatsächlichen Rückkehr zum römisch-katholischen Glauben wurde die Vorlage von Beichtzetteln und Bestätigungen der Besuche der Heiligen Messe verlangt; es herrschte eine strenge Kontrolle, von Freiheit konnte keine Rede sein. Herr Bischof Dr. Bünker betonte auch, dass zur Freiheit die Verantwortung gehört; es gibt nicht nur die „Freiheit von…“, sondern auch die “Freiheit zu…“, die Freiheit zum Dienst am Nächsten. Die Verantwortung ist eine innere Verpflichtung, für die ein Mensch sich jedoch nur in Freiheit entscheiden kann.

Bei der zweiten, ebenfalls sehr gut besuchten Veranstaltung im Dominikanerhaus sprachen 3 Referenten in 3 Vorträgen und stellten sich den Fragen aus dem Publikum. Zum Thema „Der Einfluss der Reformation auf Kirche und Gesellschaft“ sprachen Univ. Prof. Dr. Roman Sandgruber, Rektor Dr. Franz Gruber (Rektor der katholischen Universität Linz) und Superintendent Dr. Gerold Lehner. Alle Redner waren sich darin einig, dass die Reformation in ihrer Bedeutung und Wirkungsgeschichte kaum überschätzt werden kann. Dr. Sandgruber wies darauf hin, dass die evangelischen Länder durch ihre zahlreichen Schulgründungen eine Bildungsoffensive und damit einen Vorsprung in Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft gebracht haben, der erst 200 Jahre später von den katholischen Ländern aufgeholt werden konnte. Dr. Gruber wies auf die zahlreichen Einflüsse der Reformation auf die katholische Kirche hin – vor allem im 2. Vatikanischen Konzil -, so dass wir heute viele tragende Gemeinsamkeiten haben. Dr. Gerold Lehner zeigte die bleibend wichtigen reformatorischen Anliegen auf und bekannte sich zu den großen Übereinstimmungen, die wir inzwischen mit der katholischen Kirche haben.

5. Reformation und Bildung

Zum Thema „Schule im Aufbruch. Leben und Lernen in Freiheit und Verantwortung“ sprach die langjährige Leiterin der Evangelischen Schule Berlin-Mitte, Frau Margret Rasfeld, in der Aula des Bundesgymnasiums Steyr-Werndlpark. Frau Rasfeld zeigte auf, welche Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten Schüler und Schülerinnen haben, wenn sie Wertschätzung erfahren und ihnen etwas zugetraut wird und sie die dafür nötigen Freiräume bekommen. Es ist aber auch wichtig, dass Grenzen gesetzt und Ziele vereinbart werden und die Eigenständigkeit gefördert wird. Mut und Zivilcourage sollen genauso gefördert werden wie Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Solidarität. Grundlage für diese Einstellungen und Verhaltensweisen ist, wie Gott uns begegnet und begleitet und wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist, wie wir es in den Evangelien lesen können. Auch diese Veranstaltung war sowohl von Pädagoginnen und Pädagogen als auch von Eltern sehr gut besucht. Sehr sinnvolle grundlegende einleitende Überlegungen brachte eine Schülerin der 8. Klasse vor. Dies war ein Beispiel einer sehr guten Zusammenarbeit zwischen Lehrenden und Lernenden. Letztlich kann jeder von jedem lernen.

6. Reformation und Zivilcourage

Sehr engagierte Darstellungen der Zivilcourage brachte eine Performance der Schülerinnen und Schüler der ROSE (Reformpädagogisches Oberstufenrealgymnasium der Evangelischen Kirche). Eine ganze Woche lang haben sich die Schülerinnen und Schüler in einem Theater-Workshop mit dem Satz von Martin Luther „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ beschäftigt und dazu verschiedene Lebensbeispiele gründlich studiert: Zur Darstellung kamen dann Dietrich Bonhoeffer, Geschwister Scholl und andere. Mit dieser Veranstaltung hat sich die ROSE aktiv am 500jährigen Reformationsjubiläum beteiligt und ihren Beitrag eingebracht. Bei beiden Aufführungen war unsere Kirche voll besetzt; die Besucherinnen und Besucher waren tief beeindruckt.

7. Reformation und Gegenreformation: Flucht und Vertreibung damals und heute

Leider mussten in der Gegenreformation mehr als 2500 Steyrer, die ihrem evangelischen Glauben treu bleiben wollten, unsere Stadt verlassen. So haben wir eine Abendveranstaltung zum Thema „Flucht und Vertreibung“ im Museum Arbeitswelt durchgeführt. Schülerinnen und Schüler der ROSE haben in eindrucksvoller Weise Menschen zu Wort kommen lassen, die in der Zeit der Gegenreformation als evangelische Christen und später, im 20. Jahrhundert als Juden, unsere Stadt verlassen mussten. Dann kamen Flüchtlinge zur Sprache, die 1944 aus Siebenbürgen in Steyr eingetroffen sind. Schließlich folgten aktuelle Beispiele aus unserer Zeit. Es wurde deutlich, dass niemand im Vorhinein weiß, ob nicht auch er einmal von Flucht und Vertreibung betroffen sein wird. Es ist wichtig, dass wir einander Heimat geben auf unserer Reise in die Ewigkeit. Es war geplant, dass der EU-Abgeordnete Univ.-Prof. Dr. Josef Weidenholzer zur Flüchtlingssituation in Europa und weltweit berichtet. Leider wurde er krank. Da ist kurzfristig Herr Dr. Michael Schodermayr eingesprungen. In seiner Eigenschaft als Stadtrat stellte er die Integrationsprogramme unserer Stadt vor. An seine Ausführungen hat sich ein angeregtes Gespräch mit der Beantwortung vieler Fragen angeschlossen. Es war im Publikum eine sehr große Bereitschaft zur Unterstützung der Flüchtlinge in unserer Stadt spürbar.

7. Kirchenmusik

Geistliche Lieder und geistliche Chormusik als musikalischer Ausdruck von Verkündigung, Bekenntnis und Gebet haben eine lange Geschichte und in der Reformation eine für die Gemeinde verständliche Form bekommen, nämlich in deutscher Sprache, und waren damit Träger evangelischen Glaubens. Dies wurde in der Geschichte evangelischer Kirchenmusik durch J. S. Bach in einzigartiger Weise zum Ausdruck gebracht.

Die großartige Aufführung der Johannespassion in der Stadtpfarrkirche hat 480 Besucher nicht nur an die evangelische Zeit der Stadtpfarrkirche erinnert, sondern vor allem einen nachhaltigen und tiefen Eindruck in musikalischer und in geistlicher Hinsicht hinterlassen. Evangelische Verkündigung ist Christus-Verkündigung in Wort und Musik.

Die beiden Kantatengottesdienste haben nicht nur Mitglieder unserer Evangelischen Pfarrgemeinde, sondern auch viele Katholiken in den Gottesdienst unserer Kirche geführt, so dass nicht nur unsere Kirche voll besetzt war, sondern auch ein überaus kräftiger Gemeindegesang die Kirche erfüllte.

Im Oktober haben 4 Chöre des oberösterreichischen Chorverbandes „Oberösterreichische Kirchenmusik aus 5 Jahrhunderten“ auf hohem musikalischem Niveau aufgeführt. Es kam vor allem evangelische Kirchenmusik zur Aufführung, die von katholischen oder von „weltlichen“ Chören vorgetragen und erläutert wurde. Es war ein besonderes Erlebnis, als die Chorstücke des evangelischen Komponisten Paul Peuerl, der von 1609 bis 1624 als Organist in der Evangelischen Schulkirche tätig war, an dessen Wirkungsstätte 400 Jahre später nun erstmals wieder aufgeführt wurden. Der Direktor der Landesmusikschule Steyr, Herr Mag. Martin Fiala M.A., hat die Canzonen und die Chorstücke, die Paul Peuerl in Steyr komponiert und unter dem Titel „Weltspiegel“ zusammengefasst hatte, zum 500jährigen Reformationsjubiläum neu herausgegeben, so dass die Chorwelt nun wieder Zugang zu diesen Kompositionen hat.

9. Martin-Luther-Musical

Einen besonderen Höhepunkt stellte die Aufführung des Martin-Luther-Musicals von Heiko Bräuning im Alten Theater dar. Viele Wochen lang haben die Schülerinnen und Schüler der ImPuls Schule unter der Leitung von Frau Pfarrerin i. E. und Religionslehrerin Insa Rößler und der Musiklehrerin Verena Moos geprobt. Auch die Laienspielgruppe der Erwachsenen hat sich gut vorbereitet. Die Musiker haben die Solosänger und Solosängerinnen und den Chor sehr einfühlsam und schwungvoll begleitet, die Pausen musikalisch gestaltet und in geeigneter Weise für die passende Hintergrundmusik gesorgt. Die Kinder waren sehr engagiert. Martin Luther in der Hauptrolle spielte sowohl in der Darstellung, als auch in der gesprochenen Weise und im gesungenen Lied in hervorragender Weise Markus Gerhold, der neue Pfarrer für die Jugend und die evangelischen Schulen in Steyr. Im Hintergrund der Bühne saß Martin Luther mit seiner Familie am Tisch. Die Kinder fragten ihren Vater: Erzähl doch mal von Anfang an, wie war das doch mit der Reformation… Dann hat Martin Luther erzählt. Die Erzählungen waren kurz und prägnant, dann gab es Szenen im Vordergrund der Bühne, die die einzelnen Ereignisse zur Darstellung gebracht haben. Zwischendurch gab es immer wieder Lieder des Kinderchors.

In der ersten Aufführung waren nur noch 12 Sitzplätze frei. Die zweite Aufführung war ausverkauft. Insgesamt haben sich 520 Besucherinnen und Besucher eingefunden. Der Applaus war überwältigend Alle waren total begeistert. Viele – der Kirche fernstehenden – Eltern und Verwandte der mitwirkenden Kinder waren da. So haben wir die Botschaft der Reformation und die Information über die historischen Ereignisse in einer ansprechenden und lebensnahen Weise vielen Menschen vermitteln können, die sich sonst mit Glaubensfragen weniger beschäftigen. Beim 2. Aufführungstermin war eine große Besuchergruppe aus Deutschland da. Eine Besucherin aus Halle meinte: So etwas gibt es bei unseren Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum nicht!

10. Essen und Trinken wie zur Zeit von Martin Luther

Im Panoramarestaurant des Hotels Minichmayr, am Zusammenfluss von Enns und Steyr, gab es 3 Termine für ein „Essen und Trinken wie zur Zeit von Martin Luther“. Im Speisesaal ist in einem modernen Bild die Geschichte unserer Stadt von der Reformation bis zum Ende des 2. Weltkriegs dargestellt. Pfarrer Rößler gab jeweils einen kurzen geschichtlichen Überblick. Ein Mal hat Frau Ulrike Eichmeyer und ein Mal Frau Insa Rößler über Katharina von Bora und ihre Haushaltsführung berichtet. Franz Bernegger hat mit seinem Dudelsack mittelalterliche Musik erklingen lassen und diese Musik in Worten erläutert. In einem weiteren Beitrag hat er über den oberösterreichischen Bauernkrieg berichtet. Aufgrund der Originalität der Musik und der engagierten und originellen Vortragsweise seiner Berichte im oberösterreichischen Dialekt fühlten wir uns in eine andere Zeit versetzt. Die Beiträge wurden zwischen den 4 Gängen des festlichen und vorzüglichen Essens mit den Speisen der damaligen Zeit dargeboten. Für alle Teilnehmer war es ein sehr interessanter, informativer, unterhaltsamer und gemütlicher Abend.

11. Studienreise „Auf den Spuren Martin Luthers im Herzen Deutschlands“

Die einwöchige Studienreise brachte uns zu den Ursprungsorten der Reformation in Deutschland. Sie wurde durchgeführt vom Reisebüro Moser mit einer kenntnisreichen Reiseleiterin. Vor Ort hatten wir meist sehr gute Stadtführer. Die historischen Zusammenhänge und die Anliegen der Reformation wurden ausführlich dargestellt und an den Ursprungsorten der Reformation nachempfunden. Die geistliche Begleitung lag in den Händen von Dekanatsassistent Klaus-Peter Grassegger und Pfarrer Rößler. Zwei Drittel der 45 Reiseteilnehmer war katholisch, ein Drittel evangelisch. Im gemeinsamen Gottesdienst und in den Kurzandachten erlebten wir eine von Gott geschenkte geistliche Gemeinschaft. Es war ein harmonisches Miteinander und eine wunderschöne Woche, die allen in bester Erinnerung bleibt.

12. Glaubenskurs

Unmittelbar nach der Eröffnung des Jubiläumsjahres haben wir einen Glaubenskurs unter dem Thema „Was ist evangelischer Glaube?“ für alle Interessierten angeboten. Unter der Leitung von Rektor Fritz Neubacher wurden die „4 Soli“ theologisch und anschaulich erklärt. Jeder konnte jede Frage stellen. Die 20köpfige Teilnehmergruppe war bunt gemischt; Evangelische, nicht nur aus der „Kerngemeinde“, sondern auch Neu Eingetretene und Katholiken. Es hat sich gezeigt, wie wichtig es ist, nicht nur große Veranstaltungen durchzuführen, sondern auch in kleinen, überschaubaren Gruppen die Möglichkeit zum Gespräch sowie zur Vertiefung und Anwendung zu bieten.

13. Reformationsfestgottesdienst

Der 500. Jahrestag des Thesenanschlags wurde offenbar von vielen als ein einzigartiger historischer Tag empfunden. Unsere Kirche war überfüllt. Nicht nur unsere Gemeinde war zahlreich vorhanden, auch viele Katholiken sind gekommen, um mit uns zu feiern. Der Dekanatsassistent Klaus-Peter-Grassegger hat eine Lesung übernommen und sich bei den Fürbitten beteiligt. Musikalisch wurde der Gottesdienst festlich gestaltet: Orgel und Trompete und 3 Lieder vom Singkreis. Der Gemeindegesang einer so großen Gemeinde war eindrucksvoll. Pfarrer Markus Gerhold und Pfarrer Rößler haben in kurzen Predigtbeiträgen abwechselnd und von Liedern unterbrochen über die 4 „Soli“ gesprochen, sola gratia, sola fide, solus Christus und sola scriptura und dann auch über „Freiheit und Verantwortung“. Ein Schüler der ROSE las von der Kanzel kurze Zitate von Martin Luther, die jeweils zum Thema passten. Dieser Gottesdienst wurde als ein Höhepunkt erlebt. Im Anschluss gab es bei einem Imbiss im Gemeindesaal ein Quiz, in dem die Kenntnisse der Anwesenden über die Reformation in Steyr „überprüft“ wurden. Danach wurde unter notarieller Aufsicht von 870 Losen das große Los gezogen, das den Gewinner des Fiat 500 ermittelt hat. Gewinner wurde ein junger Familienvater; er ist katholisch, seine Frau und seine beiden Kinder sind evangelisch und gehören zu unserer Gemeinde.

14. Vortrag: Die Reformation geht weiter: Die Bibel in ihrer einzigartigen Bedeutung und Verbreitung

Ein Reformationsjubiläumsjahr kann ohne einen Bibelvortrag nicht zu Ende gehen. Die Bibel ist als Grundlage unseres Glaubens von zentraler Bedeutung für unser persönliches Leben und für unsere Kirche. Frau Dr. Jutta Henner hat am 16. November vor einem kleinen (22 Personen), aber sehr interessierten, Kreis von der Geschichte der Verbreitung der Bibel berichtet. Es war sehr spannend und auch herausfordernd zu erfahren, welch eine hohe Bedeutung die Bibel in den armen Ländern unserer Erde und bei den verfolgten Christen hat. Die persönliche Bedeutung der Bibel und die Wichtigkeit der weiteren Verbreitung der Bibel wurden uns neu bewusst.

15. Buchproduktion: Die Reformation in Steyr und ihre Auswirkungen

Die terminlich bereits angekündigte Buchpräsentation wird wegen Verzögerungen in das Jahr 2018 verschoben. In diesem Buch wird die Geschichte der Evangelischen in Steyr von den Waldensern über die Reformation, die Gegenreformation, die Gründung der Evangelischen Pfarrgemeinde A. B. Steyr, die 140 Jahre ihres Bestehens bis hinein in die Gegenwart berichtet. Wertvolle, wissenschaftlich fundierte, für alle lesbare und verständliche Informationen, von denen viele bisher so noch nicht veröffentlicht wurden, werden in dem voraussichtlich 300 Seiten umfassenden Buch zu finden sein. Das Interesse, nicht nur in der Evangelischen Pfarrgemeinde A. B. Steyr, sondern auch bei vielen Katholiken, bei den Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und in der Bevölkerung ist geweckt, so dass wir auf eine weite Verbreitung dieses Buches hoffen können.

Was wurde in Steyr, in der Reformationsstadt Europas, im Jahr des 500jährigen Reformationsjubiläums erreicht?

  1. Der evangelische Glaube und die Evangelische Kirche sind in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Tausende haben die Veranstaltungen und die Ausstellung besucht. Eine noch größere Zahl hat durch die Medien von den Anliegen und Aktivitäten der Evangelischen Kirche erfahren. Für weite Bevölkerungskreise ist die Evangelische Kirche nun nicht mehr „die große Unbekannte“. Es werden jetzt konkrete Erfahrungen, Erlebnisse oder zumindest Vorstellungen mit der Evangelischen Kirche verbunden.
  2. Die bereits schon vorhandene Bereitschaft zur Zusammenarbeit zwischen der Stadt (Bürgermeister, Stadtrat und Behörden) und der Evangelischen Pfarrgemeinde und auch zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche ist stark gewachsen und zu einer klar begründeten „Selbstverständlichkeit“ geworden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wurde sehr gefördert.
  3. Die Erwartungen vieler Katholiken, von der Freiheit, der Freude, dem Glauben und der Offenheit der Evangelischen „angesteckt“ zu werden, sowie den Schwung der Bewegung aufzufangen und in die eigene Kirche hineinzutragen, war deutlich spürbar.
  4. Es ist gelungen, in die verschiedenen Themen- und Lebensbereiche des Einzelnen und der Gesellschaft wesentliche Aspekte der Reformation hineinzutragen. Dadurch wurde deutlich: Die Reformation betrifft alle Themen- und Lebensbereiche. Dies wurde durch die verschiedenen Veranstaltungsorte, die keine evangelischen Räume und manchmal auch keine kirchlichen Räume waren, zusätzlich unterstrichen.
  5. Es wurden verschiedene Bevölkerungsgruppen erreicht:
    1. Die breite Öffentlichkeit, also die Leute, die eine Grundinformation haben wollten, waren im Stadtsaal dabei und haben eine Atmosphäre des spürbaren Aufbruchs erlebt.
    2. Die geschichtlich Interessierten haben die Ausstellung besucht.
    3. Die musikalisch Interessierten haben an den kirchenmusikalischen Veranstaltungen und an den Kantatengottesdiensten teilgenommen.
    4. Die an den Themen der sozialen Verantwortung und der Gesellschaftspolitik Interessierten waren im Museum Arbeitswelt zum Thema „Fluchtgeschichten“ dabei, und haben sich so im Rahmen des Reformationsjubiläums mit der aktuellen Frage des Umgangs mit den Flüchtlingen beschäftigt.
    5. Die Familien haben mit großer Begeisterung das Martin Luther Musical erlebt.
    6. Interessierte Katholiken, die von der evangelischen Kirche Inspiration, Impulse, Anregungen und neuen Schwung erwarten, haben an den meisten angebotenen Veranstaltungen teilgenommen.
  6. Es wurde deutlich vermittelt: Glaube ist kein theoretischer Gedankengang, der im Abstrakten und im Unverbindlichen bleibt, sondern Glaube prägt das konkrete Leben: Es waren unsere Vorfahren, konkrete Menschen, die hier, in unserer Stadt, gelebt und vom evangelischen Glauben geprägt waren. Es gab anschauliche Beispiele, was der evangelische Glaube „bewirkt“.
  7. Die Veranstaltungen wurden für viele Menschen zu tiefgreifenden Erlebnissen mit nachhaltiger Wirkung. Viele Einzelerlebnisse und Erfahrungen insbesondere – aber nicht nur – bei den zahlreichen Mitwirkenden werden unvergessen bleiben. Das Jahr 2017 ist mit zahlreichen Höhepunkten erfüllt, die weit über dieses Jahr hinaus ihre Ausstrahlung haben.
  8. Das Selbstbewusstsein der Evangelischen wurde gestärkt: Wir sind nicht eine unbedeutende Randgruppe, sondern Teil einer großen Geschichte und einer großen Kirche – und vor allem einer großen Zukunft, die in Gottes Händen liegt.

 

 

 

 

Pfarrer Senior Mag.Friedrich Rößler

 



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